Werkstoffe & Edelstahl

Was ist der Unterschied zwischen 1.4404 und 1.4571?

Kurz beantwortet

Beide sind molybdänlegierte austenitische Edelstähle der V4A-Gruppe. Sie erreichen ihre Beständigkeit gegen interkristalline Korrosion nur auf verschiedenen Wegen: 1.4404 über einen sehr niedrigen Kohlenstoffgehalt unter 0,03 %, 1.4571 über eine Stabilisierung mit Titan. Für höhere Dauereinsatztemperaturen ist 1.4571 im Vorteil, sonst meist 1.4404.

Zwei Wege zum selben Ziel

Austenitische Stähle können im Bereich von etwa 450 bis 850 °C sensibilisieren: An den Korngrenzen scheiden sich Chromkarbide aus, die unmittelbare Umgebung verarmt an Chrom und wird angreifbar. Genau das passiert in der Wärmeeinflusszone einer Schweißnaht.

Dagegen gibt es zwei Strategien. 1.4404 (X2CrNiMo17-12-2) senkt den Kohlenstoff auf höchstens 0,03 %, sodass kaum Karbide entstehen können. 1.4571 (X6CrNiMoTi17-12-2) lässt mehr Kohlenstoff zu und bindet ihn stattdessen mit Titan ab; der Titangehalt muss dafür mindestens das Fünffache des Kohlenstoffgehalts betragen. Chrom, Nickel und die rund 2 % Molybdän sind bei beiden vergleichbar.

Die praktischen Unterschiede

  • Temperatur: 1.4571 hat die höhere Warmfestigkeit und wird für dauerhaft höhere Einsatztemperaturen bevorzugt. Unterhalb dieses Bereichs bringt die Stabilisierung keinen Vorteil.
  • Oberfläche: Die harten Titankarbide zeichnen sich beim Polieren als dunkle Schlieren ab. Für hochwertige Oberflächen und Elektropolieren ist 1.4404 die bessere Basis.
  • Zerspanung: Titankarbide wirken abrasiv und erhöhen den Werkzeugverschleiß gegenüber 1.4404 spürbar.
  • Verfügbarkeit: 1.4404 beziehungsweise 316L ist der weltweite Standard. 1.4571 ist vor allem im deutschsprachigen Raum und in Osteuropa verbreitet, was Beschaffung und Lieferzeiten beeinflussen kann.

Welchen Werkstoff wählen?

Für Neukonstruktionen ist 1.4404 in den meisten Fällen die naheliegende Wahl: gleich gutes Korrosionsverhalten bei Raumtemperatur, bessere Oberflächenqualität, leichtere Zerspanung und weltweite Verfügbarkeit. Moderne Erschmelzungsverfahren machen sehr niedrige Kohlenstoffgehalte heute problemlos möglich — das war der ursprüngliche Grund, weshalb man früher stabilisieren musste.

Für 1.4571 spricht der Einsatz bei dauerhaft erhöhter Temperatur sowie der Bestandsschutz: Wo Anlagenteile, Ersatzteile und Zulassungsunterlagen auf 1.4571 laufen, sollte man nicht ohne Not wechseln. Wichtig ist in beiden Fällen, den Werkstoff in der Zeichnung eindeutig zu benennen und bei Schweißkonstruktionen den passenden Zusatzwerkstoff abzustimmen. Bei druckführenden oder sicherheitsrelevanten Bauteilen entscheidet ohnehin das jeweilige Regelwerk mit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Beide sind V4A-Werkstoffe mit rund 2 % Molybdän.
  • 1.4404 setzt auf niedrigen Kohlenstoff, 1.4571 auf Stabilisierung mit Titan.
  • 1.4571 ist bei dauerhaft höherer Temperatur im Vorteil.
  • 1.4404 lässt sich besser polieren, leichter zerspanen und ist weltweit verfügbar.

Weitere Fragen dazu

Bedeutet stabilisiert automatisch besser?

Nein. Die Stabilisierung mit Titan löst dasselbe Problem wie der niedrige Kohlenstoffgehalt bei 1.4404, nur auf anderem Weg. Bei Raumtemperatur bringt sie keinen Vorteil und handelt sich mit den Titankarbiden Nachteile bei Oberfläche und Zerspanung ein.

Sind 1.4404 und 1.4571 gegeneinander austauschbar?

Technisch sind sie in vielen Anwendungen gleichwertig, formal jedoch nicht ohne Weiteres. Zeichnungen, Abnahmeprüfzeugnisse und regelwerkgebundene Anwendungen benennen den Werkstoff verbindlich. Ein Austausch muss deshalb vom Auftraggeber ausdrücklich freigegeben werden.

Was heißt X6CrNiMoTi17-12-2?

Der Kurzname beschreibt die Zusammensetzung: X steht für hochlegiert, 6 für rund 0,06 % Kohlenstoff, dann folgen die Legierungselemente Chrom, Nickel, Molybdän und Titan mit den zugehörigen Gehalten von rund 17 % Chrom, 12 % Nickel und 2 % Molybdän.

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