Werkstoffe II: Titan, Kunststoffe, Stähle

S235 oder S355 — welcher Baustahl ist der richtige?

Kurz beantwortet

Die Zahl nennt die Mindeststreckgrenze in N/mm²: S235 mindestens 235, S355 mindestens 355 — jeweils für Erzeugnisdicken bis 16 Millimeter, mit sinkenden Werten bei größeren Dicken. S355 erlaubt damit schlankere Querschnitte und leichtere Konstruktionen, kostet aber mehr. S235 ist günstiger, gut umformbar und breit verfügbar.

Was die Bezeichnung sagt

Beide Werkstoffe stehen in EN 10025-2. Das S steht für Stahlbau, die Zahl für die Mindeststreckgrenze in N/mm² bei Erzeugnisdicken bis 16 Millimeter. Mit steigender Dicke sinken die garantierten Werte — bei sehr dicken Erzeugnissen liegt S235 deutlich unter 235 N/mm². Die Zugfestigkeit beträgt bei S235 rund 360 bis 510 N/mm², bei S355 etwa 470 bis 630 N/mm².

Der angehängte Buchstabencode beschreibt die Kerbschlagarbeit und die Prüftemperatur:

Kurzzeichen Kerbschlagarbeit Prüftemperatur
JR 27 Joule +20 °C
J0 27 Joule 0 °C
J2 27 Joule −20 °C
K2 40 Joule −30 °C

Gängige Sorten sind daher S235JR (Werkstoff-Nr. 1.0038) und S355J2 (1.0577).

Wann S355 die bessere Wahl ist

S355 hat gut die Hälfte mehr Streckgrenze. Wo die Tragfähigkeit die Bauteildicke bestimmt, lassen sich damit Querschnitte und Gewicht reduzieren — im Stahl-, Kran-, Fahrzeug- und Maschinenbau ist das der übliche Grund für die höherfeste Sorte. Auch die Kaltzähigkeit spricht dafür: Für Konstruktionen im Freien oder bei tiefen Temperaturen wird meist die J2-Variante gewählt.

Dagegen sprechen der höhere Preis, die etwas schlechtere Umformbarkeit und ein höheres Kohlenstoffäquivalent, das bei größeren Dicken Vorwärmen beim Schweißen erforderlich machen kann. Für untergeordnete Konsolen, Abdeckungen und Rahmen genügt S235 vollkommen.

Zerspanung und Weiterverarbeitung

Beide Sorten sind kohlenstoffarm und damit zäh. Typische Folgen sind lange Fließspäne, Neigung zu Aufbauschneiden und mäßige Oberflächen. S355 zerspant sich wegen der höheren Festigkeit meist etwas günstiger, weil der Span besser bricht. Für zerspanungsintensive Teile mit engen Toleranzen sind Vergütungsstähle oder Automatenstähle jedoch die bessere Grundlage.

Beim Schweißen gelten beide als gut geeignet. Welche Nachweise nötig sind, richtet sich nach der Anwendung: Für tragende Bauteile im Bauwesen legt EN 1090 die Ausführungsklasse und damit den Umfang an Verfahrens- und Personalqualifikationen fest.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Zahl im Namen ist die Mindeststreckgrenze in N/mm² bis 16 Millimeter Dicke.
  • JR, J0 und J2 stehen für 27 Joule bei +20, 0 und −20 Grad Celsius.
  • S355 spart Querschnitt und Gewicht, kostet mehr und verlangt beim Schweißen mehr Sorgfalt.
  • Beide sind zäh und bilden lange Späne — für Präzisionsteile ist Vergütungsstahl besser.

Weitere Fragen dazu

Kann man S235 und S355 miteinander verschweißen?

Ja, Mischverbindungen sind üblich. Der Zusatzwerkstoff richtet sich in der Regel nach dem niedriger festen Grundwerkstoff, sofern die Konstruktion nichts anderes fordert. Die Schweißanweisung muss die Kombination abdecken und wird entsprechend qualifiziert.

Lässt sich S235 härten?

Durchhärten lässt er sich nicht sinnvoll, dafür ist der Kohlenstoffgehalt zu niedrig. Für verschleißbeanspruchte Flächen kommt stattdessen Einsatzhärten infrage, das Härtereien als Randschichtverfahren ausführen. Wer durchgehende Festigkeit braucht, wählt von vornherein einen Vergütungsstahl.

Was bedeutet der Zusatz +N oder +AR bei Baustahl?

Er beschreibt den Lieferzustand des Erzeugnisses. +N steht für normalgeglüht oder normalisierend gewalzt und liefert ein gleichmäßiges, feinkörniges Gefüge. +AR bezeichnet den Walzzustand ohne besondere Nachbehandlung.

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