Konstruktion & fertigungsgerechtes Design (DFM)

Was bedeutet „Kanten gebrochen“ auf einer Zeichnung — und wie gibt man Fasen richtig an?

Kurz beantwortet

Die Angabe Kanten gebrochen bedeutet, dass scharfe Kanten entschärft werden sollen — sie ist ohne Zahlenwert allerdings nicht prüfbar. Eindeutig wird es mit einer Fasenangabe wie 0,5 mal 45 Grad, einem Kantenradius oder einem Bereich mit Ober- und Untergrenze. Die genormte Systematik dafür liefert DIN ISO 13715.

Passende Leistungen

Was die Angabe leistet und wo sie versagt

Gemeint ist: Die scharfe Kante, die nach dem Zerspanen stehen bleibt, soll durch eine kleine Fase oder Verrundung entschärft werden. Das dient der Arbeitssicherheit, verhindert Verletzungen bei der Montage und beugt Kerbwirkung und Beschichtungsfehlern vor.

Das Problem liegt im Fehlen einer Größenangabe. Der eine Fertiger bricht die Kante mit dem Schleifvlies kaum sichtbar, der andere fräst eine deutliche Fase. Beide erfüllen die Angabe. Wenn die Kante eine Funktion hat — als Einführhilfe, als Freimachung für einen Radius am Gegenstück oder als Auflagefläche —, entscheidet genau dieser Unterschied über die Montierbarkeit.

Hinzu kommt: Kanten brechen ist Handarbeit, wenn es nicht als Fase programmiert ist. Der Aufwand für sauberes, gleichmäßiges Entgraten an vielen Kanten ist erheblich und sollte bewusst gefordert und kalkuliert sein.

So gibt man Fasen und Kanten eindeutig an

  • Fase als Maß und Winkel: die klassische Angabe, etwa 0,5 mal 45 Grad. Sie ist eindeutig, programmierbar und messbar.
  • Kantenradius: als Radiusmaß angegeben, sinnvoll dort, wo eine Verrundung gefordert ist, etwa vor dem Beschichten.
  • Bereichsangabe: ein Kantenbruch mit Unter- und Obergrenze, zum Beispiel im Bereich einiger Zehntelmillimeter. Das gibt der Fertigung Spielraum und bleibt trotzdem prüfbar.
  • Allgemeine Angabe im Schriftfeld: ein einheitlicher Kantenzustand für alle nicht besonders bemaßten Kanten, ergänzt durch abweichende Einzelangaben dort, wo es funktional darauf ankommt.
  • Kantenzustand nach DIN ISO 13715: die genormte Systematik legt je Kante fest, ob ein Grat zulässig ist und in welcher Größe, ob gebrochen werden soll und in welchem Bereich, oder ob die Kante scharf bleiben muss.

Typische Fehler

Scharfe Kante gefordert, aber nicht gekennzeichnet. Ohne ausdrückliche Angabe wird jede Kante gebrochen. Wo eine Kante scharf bleiben muss — etwa bei einer Schneide oder einer definierten Abrisskante —, gehört das ausdrücklich in die Zeichnung.

Fase und Gegenradius kollidieren. Ein gefrästes Bauteil hat innen einen Radius, das Gegenstück außen eine scharfe Kante. Ohne Fase am Gegenstück liegt nichts plan an. Solche Paarungen sollten in der Baugruppe geprüft und beidseitig bemaßt werden.

Alle Kanten pauschal groß gefast. Große Fasen kosten Bearbeitungszeit und schwächen tragende Querschnitte. Die Angabe sollte an der Funktion ausgerichtet sein, nicht am Gefühl.

Kantenzustand und Beschichtung nicht abgestimmt. An scharfen Kanten zieht sich der Schichtfilm dünn. Vor einer Beschichtung ist eine definierte Verrundung fast immer sinnvoller als eine spitze Fase.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kanten gebrochen ohne Zahlenwert ist nicht prüfbar und lässt jede Ausführung zu.
  • Eindeutig sind Fasenmaß mit Winkel, Kantenradius oder ein Bereich mit Ober- und Untergrenze.
  • DIN ISO 13715 regelt die Angabe von Grat, Kantenbruch und scharfen Kanten.
  • Soll eine Kante scharf bleiben, muss das ausdrücklich in der Zeichnung stehen.

Weitere Fragen dazu

Ist ein Kantenbruch dasselbe wie Entgraten?

Nicht ganz. Entgraten entfernt den Materialüberstand, der bei der Bearbeitung entstanden ist. Ein Kantenbruch geht darüber hinaus und erzeugt eine definierte Fase oder Verrundung an der Kante selbst. In der Praxis fallen beide Arbeitsgänge oft zusammen, in der Zeichnungsangabe sollten sie unterschieden werden.

Warum verlangen beschichtete Bauteile verrundete Kanten?

Weil Lacke, Pulver und galvanische Schichten an scharfen Kanten dünner ausfallen — die Schicht zieht sich vom Kantenscheitel zurück. Dort beginnt später die Korrosion oder die mechanische Beschädigung. Eine definierte Kantenverrundung sorgt dafür, dass die geforderte Schichtdicke auch an der Kante erreicht wird.

Wie prüft man einen geforderten Kantenzustand?

Über Sichtprüfung mit Vergleichsmustern, mit Kantenlehren oder optisch über Messmikroskop und Profilmessung. Voraussetzung ist immer eine Angabe mit Zahlenwert oder Bereich — ohne sie gibt es kein Prüfkriterium. Bei kritischen Bauteilen wird ein Grenzmuster vereinbart, an dem sich beide Seiten orientieren.

Ihr Bauteil konkret kalkulieren

Sie haben eine Zeichnung oder ein 3D-Modell und brauchen eine belastbare Aussage zu Machbarkeit, Werkstoff und Termin? Schicken Sie uns Ihre Unterlagen — wir melden uns mit einer konkreten Einschätzung.

E-Mail schreibenAnrufen: +49 8681 4792230