Oberflächentechnik II: Eloxieren, Pulver, Galvanik
Warum muss Edelstahl nach dem Schweißen gebeizt und passiviert werden?
Beim Schweißen entstehen Anlauffarben — Oxidschichten, unter denen die Randzone an Chrom verarmt ist. Dort ist die selbstheilende Passivschicht gestört, und es kommt bevorzugt zu Loch- und Spaltkorrosion. Beizen entfernt Oxid und chromarme Zone, das anschließende Passivieren beschleunigt den Wiederaufbau der schützenden Chromoxidschicht.
Passende Leistungen
Was beim Schweißen mit der Passivschicht geschieht
Nichtrostender Stahl rostet nicht, weil sein Chromgehalt von mindestens rund 10,5 Prozent eine sehr dünne, dichte Chromoxidschicht bildet. Diese Passivschicht ist nur wenige Nanometer stark und baut sich bei Beschädigung an Luft selbst wieder auf — solange genügend Chrom an der Oberfläche verfügbar ist.
Genau daran fehlt es nach dem Schweißen. Unter Wärmeeinwirkung wächst eine sichtbare Oxidschicht, die als Anlauffarbe erscheint. Das dafür benötigte Chrom stammt aus der darunterliegenden Randzone, die dadurch verarmt. Zurück bleiben zwei Probleme übereinander: eine dicke, wenig schützende Oxidhaut und darunter eine Zone mit verringertem Chromgehalt. Beides zusammen macht die Naht zur Schwachstelle für Loch- und Spaltkorrosion.
Hinzu kommen Fremdeisen aus Bürsten, Schleifmitteln oder Vorrichtungen sowie Schweißspritzer, an denen Korrosion ebenfalls bevorzugt beginnt.
Beizen und Passivieren im Ablauf
- Reinigen und entfetten, damit das Beizmittel überall gleichmäßig angreift.
- Beizen mit säurehaltiger Paste, Spray oder im Tauchbad. Übliche Beizmittel für nichtrostenden Stahl enthalten Salpeter- und Flusssäure. Sie lösen Oxidschicht und chromarme Randzone ab.
- Gründlich spülen, möglichst mit entsalztem Wasser, damit keine Rückstände zurückbleiben.
- Passivieren, etwa mit Salpeter- oder Zitronensäure. Freies Eisen an der Oberfläche wird entfernt und die Chromoxidschicht baut sich gleichmäßig neu auf.
- Trocknen und prüfen. Gängige Referenzen für Reinigung und Passivierung sind ASTM A380 und ASTM A967.
Flusssäurehaltige Beizmittel sind hochgiftig und stark ätzend. Anwendung, Schutzausrüstung und Abwasserbehandlung gehören ausschließlich in geschulte Hände und in eine dafür eingerichtete Umgebung.
Alternativen und Vorbeugung
Nicht jeder Betrieb kann oder will mit Flusssäure arbeiten. Verbreitete Alternativen sind das elektrochemische Reinigen mit Elektrolyt und Stromquelle, das besonders bei einzelnen Nähten praktikabel ist, sowie die mechanische Bearbeitung mit eisenfreien Bürsten, Vliesen oder Strahlmitteln. Wichtig dabei: Mechanisches Abtragen beseitigt die Anlauffarbe zwar optisch, die chromarme Zone aber nur, wenn ausreichend Material abgenommen wird. Eine anschließende Passivierung ist in jedem Fall sinnvoll.
Am wirtschaftlichsten ist es, Anlauffarben gar nicht erst entstehen zu lassen: durch Wurzelschutz und Formieren mit Schutzgas, begrenzten Wärmeeintrag und eine ausreichende Gasnachströmzeit. In der Schweißfertigung — MTB Metall bietet Schweißarbeiten und Schweißerprüfungen an — ist das der übliche Weg, den Nacharbeitsaufwand klein zu halten.
Das Wichtigste in Kürze
- Anlauffarben zeigen an, dass die Randzone darunter an Chrom verarmt ist.
- Beizen entfernt Oxid und chromarme Zone, Passivieren baut die Chromoxidschicht wieder auf.
- Flusssäurehaltige Beizmittel sind hochgefährlich und gehören in geschulte Hände.
- Formieren und begrenzter Wärmeeintrag vermeiden den Aufwand von vornherein.
Weitere Fragen dazu
Reicht es, die Naht einfach blank zu schleifen?
Optisch wirkt das sauber, korrosionstechnisch ist es unvollständig. Schleifen kann Material verschmieren, Riefen hinterlassen und Fremdeisen eintragen, wenn nicht mit eisenfreien Mitteln gearbeitet wird. Nach dem Schleifen sollte deshalb immer passiviert werden.
Gilt das auch für Bauteile im Innenbereich?
Der Handlungsbedarf richtet sich nach Umgebung und Anforderung. In trockener Innenraumluft bleiben Anlauffarben oft folgenlos, in feuchter, chloridhaltiger oder lebensmittelnaher Umgebung dagegen nicht. In der Lebensmittel-, Pharma- und Chemietechnik sind Beizen und Passivieren deshalb Standard.
Wie lässt sich der Erfolg der Behandlung prüfen?
Neben der Sichtprüfung auf vollständig entfernte Anlauffarben werden Prüfungen auf freies Eisen eingesetzt, wie sie in ASTM A380 beschrieben sind. Ergänzend sind Korrosionsprüfungen an Probestücken möglich. Für dokumentationspflichtige Bauteile wird das Vorgehen vorab schriftlich vereinbart.
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