Fertigungsverfahren II: Gewinde, Feinbearbeitung, Erodieren

Wann muss eine Bohrung gerieben werden — und warum reicht Bohren für Passungen nicht?

Kurz beantwortet

Gerieben wird, wenn eine Bohrung eine Passung, geringe Rauheit oder enge Rundheit halten muss — etwa Lager-, Bolzen- oder Passstiftbohrungen. Eine gebohrte Bohrung liegt maßlich weit außerhalb solcher Vorgaben und ist weder rund noch zylindrisch genug. Reiben verbessert Maß, Form und Oberfläche, korrigiert aber die Lage der Bohrung nicht.

Warum eine gebohrte Bohrung keine Passung ist

Ein Wendelbohrer ist ein Schruppwerkzeug. Er hat nur zwei Hauptschneiden, eine Querschneide, die drückt statt schneidet, und eine geringe Führungslänge im Werkstoff. Das Ergebnis ist eine Bohrung, die systematisch größer als der Bohrer ausfällt, leicht ins Dreieck oder Oval läuft, eine Verlaufneigung zeigt und eine grobe Oberfläche hinterlässt. Maßtoleranzen liegen damit weit oberhalb dessen, was für eine Passung nötig ist.

Eine H7-Bohrung braucht dagegen ein Toleranzfeld im Bereich weniger Hundertstelmillimeter, dazu Rundheit und Zylinderform in gleicher Größenordnung und eine glatte Oberfläche, damit ein Bolzen oder Lagersitz nicht fresst. Diese Anforderungen erfüllt erst ein Feinbearbeitungsschritt.

Was Reiben leistet und was nicht

Die Reibahle hat viele Schneiden und lange Führungsfasen. Sie nimmt nur eine kleine Zugabe ab — je nach Werkstoff und Durchmesser üblicherweise etwa zehn Hundertstel bis einige Zehntelmillimeter — und arbeitet dabei die vorhandene Bohrung auf Maß, Form und Oberfläche aus.

  • Maßgenauigkeit: Passungsbereich IT7 ist der Regelfall, mit abgestimmtem Prozess sind engere Qualitäten erreichbar.
  • Oberfläche: deutlich glatter als gebohrt, ausreichend für Gleit- und Passsitze.
  • Rundheit und Zylinderform: werden verbessert, weil die Reibahle sich im Loch abstützt.
  • Lage und Achsrichtung: bleiben unverändert. Die Reibahle folgt der vorhandenen Bohrung — ein Verlauf wird mitgenommen, nicht korrigiert.

Genau daraus folgt die Prozesskette: zentrieren oder vorbohren mit kurzem, steifem Werkzeug, dann auf Reibmaß aufbohren, dann reiben. Sind hohe Anforderungen an die Lage gestellt, wird vor dem Reiben ausgedreht oder zirkular gefräst — beides erzeugt die Achslage neu, statt sie zu übernehmen.

Wann statt Reiben ein anderes Verfahren passt

Zirkularfräsen ist die flexible Alternative im Bearbeitungszentrum: Ein Fräser erzeugt viele verschiedene Durchmesser, die Lage wird über die Bahn bestimmt und lässt sich über die Radiuskorrektur feinjustieren. Für Einzelteile und Kleinserien ist das häufig wirtschaftlicher als ein Sonderwerkzeug.

Feinbohren beziehungsweise Ausdrehen mit einstellbarem Werkzeug ist die Wahl bei großen Durchmessern, engen Toleranzen und hohen Anforderungen an Rundlauf und Lage.

Honen kommt dort zum Einsatz, wo Form und Oberfläche über das hinausgehen, was Reiben leisten kann — etwa bei langen Bohrungen mit enger Zylinderformtoleranz.

Für die Konstruktion heißt das: Passungsangaben nur an Funktionsflächen setzen und Lagetoleranzen getrennt angeben. Eine H7-Angabe allein sagt nichts darüber aus, wo die Bohrung sitzt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gebohrte Löcher sind für Passungen zu ungenau in Maß, Rundheit und Oberfläche.
  • Reiben erreicht üblicherweise IT7 und nimmt dabei nur eine kleine Zugabe ab.
  • Reiben folgt der vorhandenen Bohrungsachse und korrigiert keine Lagefehler.
  • Für genaue Lage sind Ausdrehen oder Zirkularfräsen die richtigen Verfahren.

Weitere Fragen dazu

Wie groß muss die Zugabe für das Reiben sein?

Sie liegt je nach Werkstoff und Durchmesser meist zwischen etwa einem Zehntel und einigen Zehntelmillimetern; Schälreibahlen für langspanende Werkstoffe vertragen mehr. Zu wenig Zugabe lässt die Reibahle drücken statt schneiden und erzeugt Rattermarken, zu viel überlastet die Schneiden und verschlechtert das Maß. Die Werte gibt der Werkzeughersteller vor.

Kann man auch Sacklöcher reiben?

Ja, dafür gibt es Reibahlen mit kurzem Anschnitt und geeigneter Spanabfuhr. Der Bohrungsgrund muss allerdings Platz für Späne und Anschnitt bieten, weshalb die Bohrung tiefer sein muss als der geforderte Passungsbereich. Ohne diesen Freiraum staucht sich der Span vor der Schneide und beschädigt die Bohrung.

Warum wird eine Passbohrung trotz Reiben zu groß?

Typische Ursachen sind zu große Zugabe, unrunde Vorbohrung, ein Verlauf des Vorbohrers und mangelnde Rundlaufgenauigkeit der Werkzeugaufnahme. Auch die Temperatur spielt mit: Ein warmes Teil direkt aus der Maschine misst anders als bei zwanzig Grad. Pendelnde Reibahlenhalter gleichen kleine Achsversätze aus und stabilisieren das Ergebnis.

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